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Erneuerte Gemeindeleiter können Kirche und Gesellschaft verändern
Leitungskongress Willow Creek: Gemeindewachstum ist möglich
Karlsruhe – Geistlich erneuerte Gemeindeleiter können nicht nur ihre Kirchen, sondern auch die Gesellschaft verändern. Diese Ansicht vertrat der Gründer und Leiter der Willow-Creek-Gemeinde (South Barrington bei Chicago), Pastor Bill Hybels, zum Abschluss des dreitägigen Willow-Creek-Leitungskongresses in Karlsruhe. An ihm hatten rund 7.800 Führungskräfte aus Landes- und Freikirchen teilgenommen. Christen, die auf Gottes Stimme hörten, sei es weder gleichgültig, dass weltweit etwa zwei Milliarden Menschen die Ewigkeit ohne Gott zubringen müssten, noch dass Millionen Menschen hungerten und keine ärztliche Hilfe bekämen. Laut Hybels sollten im Mittelpunkt aller Gemeindeaktivitäten attraktive Gottesdienste stehen. Predigten sollten intellektuell anspruchsvoll sein, zur Beschäftigung mit der Bibel anreizen und zum Vertrauen auf Gottes gute Führung auch in Krisenzeiten herausfordern. Auf dem Kongress hatte Hybels auch eine Ursache dafür genannt, warum viele christliche Gemeinden kein Wachstum erleben. Es fehle ihnen an Mitgliedern, die ihren Glauben mit Hingabe an Jesus Christus leben. Solche christuszentrierte Gläubige versuchten, andere Menschen für den christlichen Glauben zu gewinnen, spendeten großzügig und kümmerten sich um Bedürftige.
Auch zahlreiche Mitglieder des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG) beteiligten sich an dem Kongress, wie dessen Generalsekretärin Regina Claas (Elstal bei Berlin) der Zeitschrift „Die Gemeinde“ mitteilte. Allerdings seien es nach ihrem Eindruck prozentual weniger als bei früheren Kongressen gewesen. 14 Prozent aller Besucher gehörten nach Angaben des Veranstalters zum BEFG, bei früheren Tagungen waren es bis zu 22 Prozent. Regina Claas selbst gehört zum Vorstand von Willow Creek Deutschland. Sie zog ein positives Fazit: „Der Kongress hat alle meine Erwartungen übertroffen.“ Sie habe „eine große geistliche Tiefe gespürt“. Das Treffen habe noch einmal deutlich gemacht, dass das persönliche geistliche Wachsen von Leitern und Gemeindegliedern einerseits und gesellschaftsrelevantes Gemeindeleben andererseits zusammen gehörten: „Wir müssen hier in unseren Gemeinden noch einiges nachlegen.“ In vielen Gesprächen sei ihr gespiegelt worden, dass Teilnehmer geistlich ermutigt worden seien. Sie wüssten jedoch nicht, wie sie die Impulse vor Ort umsetzen könnten. Dies sei leichter, wenn eine gesamte Gemeindeleitung den Kongress besucht habe. Regina Claas fasste das Ergebnis vieler Gespräche so zusammen: „Wir müssen Wege finden, neue Formen von Gemeindeleben zu fördern, um nicht in unserer traditionellen, institutionalisierten Art zu verknöchern.“
Der Vorsitzende von Willow Creek Deutschland, der Pastor, Verlagsleiter und Publizist Ulrich Eggers (Cuxhaven), erläuterte, dass den vergangenen 15 Jahren mehrere 100 Gemeinden die Anregungen von Willow Creek aufgegriffen hätten. Nach Ansicht des Generalsekretärs der Deutschen Evangelischen Allianz, Hartmut Steeb (Stuttgart), hat der Kongress gezeigt, dass Gemeindewachstum möglich ist.
Der Leiter des Instituts zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung der Theologischen Fakultät der Universität in Greifswald, Prof. Michael Herbst, erklärte, dass landeskirchliche Gemeinden, die wachsen wollen, sich an der Willow-Creek-Gemeinde orientieren könnten. Die 1975 gegründete Gemeinde hat wöchentlich etwa 22.000 Gottesdienstbesucher. Herbst verwies auf Studien, wonach einige Grundsätze des Vorbildes erfolgreich in deutschen Kirchengemeinden praktiziert werden. In Gemeinden, wo die Umsetzung nicht klappt, sei es entweder nicht gelungen, Gemeindemitglieder für neue Ideen zu begeistern, oder es habe der Wille gefehlt, Menschen für die Gemeinde zu gewinnen. „Ohne den Blick auf Jesus und den Wunsch, seine Liebe weiterzugeben, bleiben alle Wachstumsbemühungen oberflächlich“, sagte Herbst. Das Argument vieler Gemeindeleiter, man habe keine Kraft für zusätzliche Aktivitäten, wies Herbst zurück. Es komme nicht darauf an, Neues zu beginnen, sondern dass das Normale im Geiste Jesu Christi getan werde.
Der Missionswissenschaftler Prof. Johannes Reimer (Bergneustadt bei Köln) erklärte, dass christliche Gemeinden nicht durch evangelistische Predigten wachsen. Vielmehr überzeugten ihre Mitglieder, wenn sie zum Wohl der Gesellschaft beitragen. Jesus Christus habe seine Nachfolger beauftragt, Verantwortung für die Nöte ihres Volkes zu übernehmen. Heute gehöre dazu, das Umfeld der Gemeinde zu analysieren und zur Lösung gesellschaftlicher Problemen beizutragen. „Wir brauchen eine neue Bewegung der Hingabe an unsere Dörfer und Städte“, sagte Reimer. Den Vorwurf, er werbe für ein soziales Evangelium und vernachlässige die geistliche Not der Menschen, wies der Dozent am Theologischen Seminar des Bundes Freier evangelischer Gemeinden (Ewersbach/Mittelhessen) zurück. Das Wahrnehmen sozialer Verantwortung sei eine Voraussetzung dafür, dass sich Menschen dem Evangelium öffneten. Wo Christen Verhältnisse änderten, fragten Menschen nach ihren Beweggründen. Das bewirke Gemeindewachstum.
Klaus Rösler
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(03.02.10)