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Gesundheit ist kein Beweis für Gottes Gegenwart

2. Christlicher Gesundheitskongress: Wenn das Heil von Ärzten erwartet wird

Kassel – 1.500 Mediziner, Pfleger, Theologen, ehrenamtliche Mitarbeiter und Wissenschaftler diskutierten in Kassel drei Tage lang beim zweiten Christlichen Gesundheitskongress über Herausforderungen im Gesundheitswesen sowie über Kooperationen von Pflegediensten und Gemeinden. Veranstalter war ein Trägerkreis von Christen aus Landes- und Freikirchen, darunter auch Pastor Dr. Heinrich Christian Rust (Braunschweig) von der Geistlichen Gemeinde-Erneuerung im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden. Zum Abschluss wurde erstmals ein Christlicher Gesundheitspreis verliehen. Mit ihm werden innovative Projekte ausgezeichnet, die das Zusammenwirken von Gesundheitswesen und christlicher Gemeinde fördern. Den 1. Preis erhielt das freikirchliche Albertinen-Diakoniewerk in Hamburg für seine Initiative „still geboren“. Sie begleitet Eltern, deren Kinder während der Schwangerschaft oder Entbindung starben, auch über den Krankenhausaufenthalt hinaus.

Zahlreiche Prominente aus Kirche, Diakonie und Gesundheitswesen gehörten zu den Rednern. Die EKD-Ratsvorsitzende, Landesbischöfin Margot Käßmann (Hannover), rief zum sensiblen Umgang mit Kranken und Trauernden auf. Man dürfe nicht nach dem Motto „Komm, das wird schon wieder“ über das Leiden anderer hinweggehen. Leid führe an die Grenzen der Erklärungsmöglichkeiten, so Käßmann. Deshalb sei es oft angebracht, still zu werden und zu schweigen. Wie sie weiter sagte, ist Gesundheit kein Beweis für Gottes Gegenwart und kein Grund, sich selbst zu rühmen. Gottvertrauen könne sich gerade darin zeigen, dass jemand mit seiner Krankheit leben und sterben könne.

Der Präsident des Diakonischen Werkes der EKD, Klaus-Dieter Kottnik (Berlin), sagte, Diakonie verbinde Gesundheitsarbeit und die Verkündigung des Evangeliums. Dabei sollte Seelsorge nach Möglichkeit in die Therapie einbezogen werden. So könne man Patienten vor der Operation ein Gebet anbieten. Sinnvoll seien auch Gottesdienste, in denen Kranke gesegnet und gesalbt werden.

Der Psychiater, katholische Theologe und Bestsellerautor Manfred Lütz (Köln) bezeichnete die „Gesundheitsreligion“ als mächtigste und teuerste Weltreligion aller Zeiten. Sie sei vor allem für die Kostensteigerungen im Gesundheitswesen verantwortlich. Das Heil werde heute nicht mehr vom Priester, sondern vom Arzt erwartet. Gesundheit sei zwar ein hohes, aber nicht das höchste Gut. Die Gesundheitsreligion enttäusche daher die Heilssehnsucht der Menschen.

Der Benediktinermönch und Bestsellerautor Anselm Grün (Münsterschwarzach bei Würzburg) sprach sich für eine Wiederentdeckung christlicher Rituale aus. Es sei gut, sich durch Rituale heilige Orte und heilige Zeiten zu schaffen, die Gott gehörten. Einen Grund für die vielen Fälle von Ausgebranntsein (Burnout) sehe er darin, dass Menschen versuchten, möglichst viele Dinge gleichzeitig zu erledigen. Berufstätige Familienväter könnten sich vielfach auch zuhause nicht auf die Familie konzentrieren, weil sie immer noch an die Arbeit dächten.

Rust erklärte, dass jede Heilung vorläufigen Charakter habe und Appetit auf die Vollendung im Himmelreich machen wolle. Nach seinen Worten sind Heilungen Anzeichen des angebrochenen Gottesreiches. Sie könnten jedoch nicht die körperliche Neuschöpfung ersetzen, die erst mit der Auferstehung stattfinde. Menschen, die eine Heilung von Gott empfangen haben, könnten später erneut erkranken. Dies sei aber kein Regiefehler Gottes. Heilungen seien von Gott auch nicht durch Glaubensstärke zu erzwingen. Er wies ferner darauf hin, dass Heilung zur „Kernkompetenz der Gemeinde Jesu Christi“ gehöre. So werde im Neuen Testament - nach Abzug der Parallelberichte - von 41 Heilungen berichtet. Daher entspreche es nicht dem neutestamentlichen Zeugnis, das Christentum „nur als Glaubenslehre zu sehen und es der lebensverändernden und heilenden Kraft zu berauben“. Die Vielfalt der Heilungsmethoden Jesu und der Apostel verbiete es, eine bestimmte für den Heilungsdienst als verbindlich anzusehen. „Wir unterscheiden uns von Geistheilern darin, dass nicht wir die Macht haben, andere zu heilen“, stellte Rust klar.

Der Leiter der Geistlichen Gemeinde-Erneuerung in der Evangelischen Kirche (GGE), Pfarrer Dieter Keucher (Chemnitz), meinte, dass Christen beim Gebet um Heilung von Krankheiten nicht vorschnell aufgeben sollten. Vielfach sei Ausdauer nötig. Neben dem Gebet unter Handauflegung empfahl Keucher auch das Segnen mit Salböl. Er habe den Eindruck, dass bei der Verwendung eine biblische Authentizität gegeben sei und häufig auch Glaube geweckt werde. Wenn Heilung auch nach Gebeten über einen längeren Zeittraum ausbleibe, könne das verschiedene Gründe haben. Manchmal müssten sich Beter auch eingestehen, dass sie keine Erklärung haben.

Der Vorsitzende der Akademie für Psychotherapie und Seelsorge (APS), der Chefarzt Martin Grabe (Oberursel), warnte vor einer „christlichen Schnellvergebung“. In christlichen Kreisen werde häufig zu schnell von Vergebung gesprochen. Dabei benötige ein solcher Prozess Zeit. „Hüten Sie sich vor christlicher Schnellvergebung. Sie beendet den Vergebungsprozess und sorgt für Versteinerung“, erklärte Grabe in einem Seminar. Wie wichtig es für Menschen sei, anderen zu vergeben, merke er täglich bei seiner Arbeit, so der Chefarzt der Psychotherapeutischen Abteilung der Klinik Hohe Mark in Oberursel. Therapiefortschritte seien nahezu unmöglich, wenn sie nicht von Vergebungsprozessen begleitet würden.

Für eine „christliche Heilkunde“ sprach sich der Vorsitzende der Organisation „Christen im Gesundheitswesen“ und Facharzt für innere Medizin, Georg Schiffner (Hamburg), aus. Dabei müssten Ärzten, Therapeuten, Pfleger und Seelsorger zusammenarbeiten. Christliche Ärzte sollten nicht nur Störungen im Körper, sondern auch die psychosoziale und geistliche Dimension einer Krankheit berücksichtigen. Ärzte sollten dafür in einem Team von Helfern und Begleitern des Kranken zusammenarbeiten. So könnten ehrenamtlich tätige Gemeindemitglieder zusätzlich zur ärztlichen Behandlung Seelsorge, Heilungsgebet und Krankensalbung anbieten.

Der Professor für Altes Testament am Theologischen Seminar Elstal (FH), Dr. Michael Rohde, zeigte sich gegenüber der Zeitschrift DIE GEMEINDE begeistert von dem Kongress. Das Thema Heilung in ganzheitlicher Sicht des Menschen sei nicht triumphalistisch im Sinne von „Alles ist möglich, dem der glaubt" entfaltet worden, sondern „ganz geerdet und realistisch“. Er habe den Kongress als große Ermutigung erlebt und viele Menschen gesprochen, die ebenfalls ermutigt waren - durch das Schöpfen aus der Gnade Gottes. Etwas verwundert war er darüber, dass nur „wenige baptistische Pastorenkolleginnen und –kollegen“ mit dabei gewesen waren.

Die Veranstalter waren mit der Resonanz auf den Kongress zufrieden. Einer idea-Meldung zufolge gibt es nun Überlegungen im Vorstand, in zwei Jahren einen weiteren Christlichen Gesundheitskongress zu veranstalten.

Klaus Rösler



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(26.01.10)
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