Berlin – 50 Cent kostet ein fünf Minuten dauerndes Gebet in einem Gebetsautomaten auf einem Weihnachtsmarkt in Berlin-Mitte. Der „Gebetomat“, der äußerlich einem Passbildautomaten ähnelt, wurde von dem Berliner Künstler Oliver Sturm entwickelt. Nach seinen Angaben enthält die Computer gesteuerte Maschine über 300 Gebete fast aller religiösen Gruppen. Sturm versteht seine Erfindung als einen„kleinsten, spirituellen Raum“. Nicht nur auf Weihnachtsmärkten sollten solche Maschinen Zeit zur Besinnung bieten, sondern auch auf Bahnhöfen, Flughäfen und Raststätten. In dem Automaten werden nach seinen Worten „die Religionen alle gleichberechtigt präsentiert“. Eine Hierarchie gebe es nicht. Einwände, spirituelles Fastfood anzubieten, weist er zurück. „Man könnte sagen, die Idee hat vielleicht eine gewissen Verwandtschaft mit Fastfood, aber das, was man bekommt, ist nicht Fastfood, sondern das sind schon sehr substantielle Dinge.“ Eine Vielzahl der Gebete hat Sturm in Berliner Gemeinden aufgenommen. Zugleich sieht der Künstler im „Gebetomaten“ auf dem Weihnachtsmarkt ein „Sinnbild für die kommerzialisierte Besinnlichkeit zum Fest der Liebe“, weil man auch dort bezahlen muss. Die Reaktionen auf seine Maschine seien bisher durchweg positiv. Sein Lieblingsgebet sei eine Aufnahme aus dem Jahr 1908, auf der christliche Zulus Weihnachtslieder anstimmen: „Die sind so musikalisch und die gehen so ans Herz, dass ich jedes Mal mit Gänsehaut davor sitze, wenn ich das höre.“
Telefonzellen zu Gebetszellen
umfunktionieren
Der frühere Leiter des Gemeindejugendwerks Berlin-Brandenburg des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, Hendrik Kissel (Berlin), rechnet damit, dass der „Gebetomat“ Erfolg haben wird. Zugleich sieht er ihn als Herausforderung, die evangelistische Praxis der Evangelisch-Freikirchlichen Friedenskirche in Berlin-Charlottenburg, in der er jetzt tätig ist, zu überdenken. Einen „spirituellen Raum“ betreten zu können, ohne Unannehmlichkeiten befürchten zu müssen, schaffe Vertrauen. Der Automat sei „deutlich erkennbar keine Missionsaktion, sondern ein Kunstprojekt“. Man wisse, dass es keine Werbung für eine Kirche gebe. Die Freiwilligkeit bleibe gewahrt. Dies sei bei freikirchlichen Missionsaktionen nicht immer der Fall: „Die ‚Fremden’ finden befremdliche Umgangsformen vor, nach oder im Gottesdienst. Die Kirche ‚für Suchenden’ ist zu oft mehr Gemeinde ‚für uns’. Wen wundert es, dass Suchende nicht wieder kommen.“ Im „Gebetomat“ sei der suchende Besucher dagegen ganz frei und ungestört! Kissel rechnet auch damit, dass echte Gebete, die dort gesprochen werden, auch von Gott erhört werde – trotz der 50 Cent. Dennoch habe der „Gebetomat“ auch Grenzen: „Einsam beten geht auf Dauer nicht. Gott will Menschen zusammenführen.“ Kissel verweist ferner darauf, dass seine Gemeinde schon seit geraumer Zeit eine ähnliche Aktion plane. Sie will auf Berliner Stadtfesten gelbe „Gebetszellen“ aufstellen – gebrauchte ehemalige Telefonzellen. Kissels Fazit: „Die Leidenschaft des Künstlers und sein ‚Gebetomat’ spornen mich an: Ich werde nun ernsthaft die ausgediente Telefonzellen suchen, damit Gottes Angebot zum Dank, Bitten und Loben gratis bleibt!“
Klaus Rösler